Das verlorene Paradies von Sébastien de Courtois


Es gibt eine Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies. Wir alle spüren sie, mehr oder weniger; sie verbindet uns mit der Erbsünde und dem Sündenfall. Diese Sehnsucht quält reine Seelen. Sie lauert und regt sich. Als typisch jugendliche Sehnsucht, als romantische Torheit, bildet diese Sehnsucht den Kern von Sébastien de Courtois’ Roman * L’ami des beaux jours* (Der Freund der glücklichen Tage).

Frédéric und Sébastien, die beiden Protagonisten in Sébastien de Courtois’ wunderschönem Roman, sind von dieser Nostalgie ergriffen. Ob sie sie selbst herbeigeführt haben, lässt sich schwer sagen. Sie fanden zueinander, ohne danach gesucht zu haben. Diese zufällige Verbundenheit entspringt derselben Halluzination, die die stolze Jugend beflügelt und ihr jene aristokratische Eleganz und ihren Eroberungsgeist verleiht. Nichts scheint ihnen unmöglich. Die beiden Freunde spüren die Anziehungskraft dieser Nostalgie auf den jeweils anderen, eine Art überschwänglichen und sensationellen Schwindel. So richten die beiden Freunde in der rosafarbenen Stadt ein Chaos an, und das Katharerland revanchiert sich, indem es in ihnen den Geist der Rebellion einflößt – den Geist derer, die sich unterdrückt fühlen, derer, die sich bewusst unterdrücken lassen, um ihr kraftvolles Wesen umso besser zu entfalten. Wie in jeder Freundschaft, in der jede Sekunde geteilt wird, lesen sie dieselben Bücher, diskutieren dieselben Kämpfe und entfachen ihre Leidenschaft für dieselben Anliegen, jedes orthodoxer und fundamentaler als das vorherige… Frédéric und Sébastien werden unzertrennlich. Ihre Seelen harmonieren in Freundschaft wie ein Meisterklavier. Ihr Streben nach dem Absoluten wächst stetig, doch sie sehen nur dessen Glanz. Man kann sich nur in sein eigenes Spiegelbild verlieben. Sie sind im Einklang, daher sind Worte nutzlos. Taten werden zum einzigen Ausdrucksmittel. Denn Worte, ob rhetorisch oder körperlich, bleiben immer unvollständig. Da es nichts Wahres gibt außerhalb der bis zum Äußersten getriebenen Leidenschaft. Da der Weg allein nie genügt, kann nur die Apotheose diesen seltenen Moment übertreffen, der bereits verblasst, im selben Augenblick verschwindet, in dem wir davon sprechen: die Jugend und der Geist, der sie bewohnt. Eine Zeit glühender Intensität, ein Augenblick, in dem die Intensität jedes Verständnis übersteigt, in dem das Leben sein Innerstes offenbart und uns zwingt, es ihm gleichzutun, ihm die einzige Ehre zu erweisen, die ihm gebührt. Platon prophezeite diese Welt, unsere Welt, eine Welt der Kopien, erstickend, unfähig, ein Original nicht zu erkennen. Frédéric und Sébastien erkannten einander sofort und verbanden sich mit derselben wilden Intensität, doch die Cafés zu beherrschen, die Spirituosenläden zu beherrschen, selbst die schöne, erfahrene und talentierte Sophie zu beherrschen, reichte nicht aus. Jules und Jim rochen nach Verfall. Den 60er-Jahren fehlte es so sehr an Tragik. Ausgelassenes Treiben um des Ausgelassenseins willen, Lachen um des Lachens willen, Flanieren um des Flanierens willen, eine Scheinwelt, die bürgerliche Bohème verkündete, von den beiden Freunden verachtet. Kein Zweifel, „Der Freund der guten Zeiten“ ist eine moderne Tragödie, ein Drama, denn Sophokles hat seine Werkzeuge beiseitegelegt, die niemand mehr benutzen kann, ohne ihren Sinn zu hinterfragen. Die 1990er Jahre, in denen Sébastien de Courtois’ Roman spielt, spiegeln unsere heutige Welt wider, in der jegliches tragisches Gefühl ausgelöscht wurde. Eine leere Hülle. Die beiden Freunde müssen sich einig sein. Weder Literatur noch Liebe noch Freundschaft noch Alkohol genügen ihnen noch. Tatsächlich genügt ihnen nichts mehr. Sébastien, ein Bürgerlicher, der sich in diesem turbulenten Leben verloren hat, hat seine Lebensaufgabe gefunden und packt seine Sachen, um in ein friedlicheres Dasein zurückzukehren. Er hat längst verstanden, welche Distanz er von Leidenschaft und ihren Begleiterscheinungen wahren muss. Frédéric hingegen kann es nicht, denn er hat seine Welt erschaffen, er hat sie aufgebaut. Wenn seine Sandburg wie Schnee in der Sonne vor den Wellen schmilzt, muss er eins werden mit ihrem Zerstörer und ins Meer stürzen. Frédéric kann niemals zurück. Nicht aus Stolz, sondern einfach, weil er keinen anderen Weg kennt. Er weiß nur, wie es weitergeht. Wenn er stehen bleibt, stürzt er. Rückzug wäre der sichere Tod … Wie von Zauberhand bietet sich ihm eine Aufgabe: die Jugoslawienkriege. Frédéric nimmt sie an. Er sagt zu Sébastien: „Such mich nicht!“ Doch es gibt nichts mehr zu suchen. Außer vielleicht einer letzten Sache, um die Revolution zu vollenden: eine Spur zwischen den Sternen zu finden …

Jahrzehnte später macht sich Sébastien auf die Suche nach der Wahrheit über Frédéric und dessen Schicksal als Krieger und Dichter. Er findet die Spur seines Freundes, dessen Körper nun für immer in einem Tal nahe Osijek in Kroatien ruht – einer der vielen unbekannten Soldaten moderner Kriege. Mit Wehmut und einer gewissen Zurückhaltung erinnert sich Sébastien an die Zeit, als er ihn gut kannte, im verlorenen Paradies seiner Jugend.

Der Freund sonniger Tagevon Sébastien de Courtois. Stock Publishers. 20 €


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